5 Anzeichen, dass in deinem Leben ein Präsenzmangel besteht

Präsenzmangel? Was soll das denn schon wieder sein? Kurzfassung: Zu wenig erleben, zu viel denken. Langfassung und Symptome liest du hier.

Ich denke, also bin ich. Wissen ist Macht. Ach wie gut, dass wir rechtzeitig smart geworden und das Internet erfunden haben, sonst hätten wir in der Pandemie ja gar nicht arbeiten oder uns virtuell daten können, furchtbare Vorstellung. Wir Menschen sind vergleichsweise helle Köpfchen und darauf legen wir insbesondere in unserer Gesellschaft großen Wert. Wir schämen uns für dumme Fragen oder Rechtschreibfehler (als wäre an der deutschen Rechtschreibung irgendetwas genial) und drehen durch, wenn wir für etwas keine Erklärung haben. Wir vertrauen lieber Uhren und Smartwatches als unserem Zeit-, Müdigkeits- oder Hungergefühl und sobald wir nicht wissen, sondern nur eine Intuition haben, sind wir ratlos, unsicher und fürchten uns, Entscheidungen zu treffen.

Wir sind mehr als denkende Wesen

Doch unsere Fähigkeit, zu denken und den Zusammenhang zwischen einem fliegenden Blatt und Wind zu sehen, ist nicht alles, was uns ausmacht. Sie ist eine Eigenschaft wie die zum Graben geeigneten Vorderläufe des Maulwurfes: Hat sich als evolutionärer Vorteil erwiesen, deshalb noch da. Aber da ist eben auch noch mehr. Und das drohen wir zu vernachlässigen, wenn wir uns zu sehr auf das Denken und Geistig-Abstrakte fokussieren. Im schlimmsten Fall mit gravierenden Auswirkungen auf unsere (psychische) Gesundheit. Denn was wir bei all der Begeisterung über unsere kognitiven Fähigkeiten manchmal vergessen: Jeder unserer Gedanken ist an unseren Körper gebunden. Ohne einen lebendigen, menschlichen Organismus kein (echter) Kommentar unter einem Instagram-Post. Und als körperliche Einheit brauchen wir nicht nur Apfelsaftschorle, Kartoffelgratin und Schlaf, sondern auch Präsenzerleben. Das heißt Nähe, Unmittelbarkeit und das Spüren des Moments.

Zu viel „Sinn“ und zu wenig Präsenz kann uns krank machen

„Präsenzerleben entsteht durch das metabolische Verhältnis zur Welt.“, erklärt der Psychologe Dr. Karsten Wolf von der Libermenta Klinik Schloss Gracht. „Über den Körper erlebe ich etwas oder spüre einen anderen Menschen und erfahre Resonanz.“ Basierend auf der Philosophie von Hans-Ulrich Gumbrecht („Diesseits der Hermeneutik“) bietet Karsten Wolf an seiner Station eine Präsenztherapie an, eine moderne Therapieform, die bei psychischen Störungen wie Depression oder Angststörung helfen oder derartigen Störungen vorbeugen kann.

In Momenten des Präsenzerlebens treten unsere Gedanken in den Hintergrund und wir kommen in einen Flowzustand. Wenn wir zum Beispiel mitgerissen werden von der Stimmung bei einem Festival. Oder in der Gesellschaft von Freund:innen die Zeit vergessen und plötzlich feststellen, dass wir die letzten im Restaurant sind. Oder wenn wir beim Joggen all unsere Sorgen hinter uns lassen. Oder die Sonne auf unserer Haut spüren, das Meer rauschen hören, Salz in der Luft riechen und nichts denken außer „hmmmm …“. Solche Momente brauchen wir in unserem Leben, um gesund zu bleiben. Um einen Ausgleich und Gegengewicht zu haben zu der Gedankenwelt, in der wir uns ständig befinden. In der wir planen, To-Dos abhaken, nach Gründen suchen und mit dem Schlimmsten rechnen. Und um Erinnerungen zu schaffen.

„Es geht darum, ein gesundes Oszillieren herzustellen zwischen Präsenz- und Sinnkultur“, sagt Karsten Wolf. Wie das genau aussieht, wie das Verhältnis zwischen beidem sein muss, könne individuell verschieden sein, doch wir alle bedürfen beider Seiten in unserem Leben, so der Psychologe. Wie aber können wir frühzeitig erkennen, dass bei uns ein Missverhältnis besteht? Laut Karsten Wolf können folgende Anzeichen Hinweise auf einen Präsenzmangel sein.

5 Anzeichen für einen möglichen Präsenzmangel

1. Sehnsucht nach Berührung

Die wichtigste und zugleich stärkste Präsenzerfahrung erleben wir grundsätzlich im Kontakt mit anderen Menschen, in der Bindung und der körperlichen wie emotionalen Nähe. Nicht im Zoomcall, nicht im WhatsApp-Chat, sondern im tatsächlichen Zusammensein. Daher kann sich ein Präsenzmangel in einem stark empfundenen Bedürfnis nach menschlicher Nähe und Berührung äußern – nicht in sexueller Hinsicht, sondern generell nach so etwas wie einer Umarmung, einer Hand, die uns über den Rücken streicht oder unsere eigene hält.

2. Grübelneigung

Wenn wir häufig ins Grübeln geraten, immer wieder in ein Gedankenkarussell hineinrutschen, aus dem wir schwer herausfinden, kann das eine Folge und ein Symptom von zu wenig Präsenzerleben in unserem Alltag sein – und uns häufiger mit Freund:innen zu treffen ist dann eine geeignetere Gegenmaßnahme, als alle möglichen Gedankentricks durchzuprobieren.

3. Schlafstörung

Aus der Grübelneigung können wiederum Schlafstörungen entstehen. Liegen wir abends oder nachts im Bett und lassen unsere rationalen Gedanken uns nicht zur Ruhe kommen, kann das an einem Übergewicht an Sinnkultur in unserem Alltag liegen. Etwas anderes ist es, wenn wir emotional aufgewühlt sind oder die Eindrücke des Tages emotional verarbeiten – in dem Fall ist nicht auf einen Präsenzmangel zu schließen.

4. Gefühllosigkeit

Involvieren wir zu viel von uns in die abstrakte Welt der Gedanken, bleibt irgendwann nicht mehr genügend mentale Kapazität für Emotionen. Wir erleben Freude und Begeisterung weniger intensiv, spüren kaum Wut oder Trauer, sondern fühlen uns abgestumpft und resigniert.

5. Schwierigkeiten, Gesellschaft zu genießen

Einhergehend mit der Grübelneigung und der Gefühlskälte können bei einem Präsenzmangel Schwierigkeiten entstehen, in Gesellschaft abzuschalten und Anschluss zu finden und uns auf Nähe einzulassen. Fühlen wir uns im Beisammensein mit anderen Menschen oftmals unwohl und isoliert, sind in Gedanken meist ganz woanders als auf der Party oder in dem Café, ist das möglicherweise ein Hinweis darauf, dass unser Präsenzerfahren bereits gestört ist, weil wir zu lange in einem Mangel lebten.

Wer eines oder mehrere dieser Symptome an sich beobachtet, kann am besten durch häufigere, direkte Interaktionen und Kontakte mit anderen Menschen versuchen, mehr Präsenz im eigenen Leben herzustellen. Eine Alltagsroutine, die Treffen mit Freund:innen oder Verwandten oder körperliche Nähe in der Partnerschaft beinhaltet, trägt zu einem gesunden Gleichgewicht zwischen Sinn- und Präsenzerleben und zu unserer psychischen Gesundheit insgesamt bei. „Bindung ist der stärkste Trigger von Präsenzerleben“, sagt Karsten Wolf, „es gibt nichts, was den direkten, menschlichen Kontakt ersetzen kann.“ Denn noch grundlegender als denkende Wesen – sind wir immer noch soziale Wesen.

Wer mehr über das Thema wissen möchte:

  • „Präsenztherapie. Neue Psychotherapeutische Implikatonen im Wandel des abendländischen Denkens“ von Karsten Wolf, Fengli Lan, Friedrich G. Wallner
  • „Diesseits der Hermeneutik. Über die Produktion von Präsenz.“ von Hans Ulrich Gumbrecht
  • libermanta.com für Infomaterial zur Präsenztherapie in der Libermanta Klinik Schloss Gracht

Brigitte